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Wenn Interessenvertretung ihre eigene Wirkung sabotiert

  • bs6835
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit


„Mit vorzüglicher Hochachtung“ – eine Grußformel, die im politischen Raum selten neutral gelesen wird. Sie signalisiert Distanz, bisweilen Geringschätzung, und ist historisch eher mit Goethes Götz-von-Berlichingen-Zitat assoziiert als mit dem ernsthaften Wunsch nach Dialog. Umso bemerkenswerter ist ihre Verwendung in einem Schreiben an den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Der Absender: der Vorsitzende eines selbsternannten maßgeblichen Mittelstandsverbandes.Der Adressat: der Regierungschef des Landes.Die Botschaft: eine öffentliche Abrechnung – inklusive der Forderung, die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung auszutauschen, da es aus Sicht des Verbandes „weder ein Mindestmaß an Vertrauen noch einen Rest an Kompetenzvermutung“ gebe.


Kritik ist legitim – die Form entscheidet über Wirkung


Selbstverständlich darf und muss man die Politik der Bundesregierung kritisch begleiten. Wirtschaftspolitik im Allgemeinen, Mittelstandspolitik im Besonderen und konkrete personelle Entscheidungen im Detail bieten ausreichend Anlass für kontroverse Bewertungen. Verbände haben nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe, diese Kritik zu formulieren und an politische Entscheidungsträger heranzutragen.

Entscheidend ist jedoch das Wie.


Professionelle Interessenvertretung erschöpft sich nicht im Formulieren von Unzufriedenheit. Sie beginnt mit der systematischen Verarbeitung von Informationen, mit der Einordnung von Einzelinteressen in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge und mit der strategischen Übersetzung dieser Interessen in Argumente, die politisch anschlussfähig sind.


Öffentlichkeit ersetzt keine Strategie


Der vom Bundesverband Mittelständische Wirtschaft gewählte Weg wirft daher eine zentrale Frage auf:Was sollte mit diesem Schreiben konkret erreicht werden?


  • Dass der Bundeskanzler die Mittelstandsbeauftragte austauscht?Selbst wenn dies intern diskutiert worden wäre – nach einem derart öffentlichen und konfrontativen Schreiben ist dieses Szenario praktisch ausgeschlossen.

  • Dass die Mittelstandsbeauftragte künftig stärker auf Vorschläge des Verbandes eingeht?Auch das erscheint nach dieser Form der Kommunikation höchst unwahrscheinlich.


Öffentliche Briefe dieser Art schließen Gesprächskanäle, bevor sie überhaupt genutzt werden konnten. Sie signalisieren nicht Dialogbereitschaft, sondern Eskalation. Und Eskalation ist selten ein guter Einstieg in politische Entscheidungsprozesse.


Schaden für Verband und Unternehmen


Festzuhalten ist: Dieses Schreiben hat dem Verband – und damit auch den in ihm organisierten Unternehmen – massiv geschadet. Es offenbart eine erschreckende Ahnungslosigkeit darüber, wie politische Kommunikation funktioniert, und lässt Zweifel an der professionellen Handlungsfähigkeit der Interessenvertretung aufkommen.

Aus Sicht politischer Entscheidungsträger ist nach einem solchen Vorgehen eher Zurückhaltung geboten. Wer so agiert, macht es anderen schwer, ihn als konstruktiven Gesprächspartner ernst zu nehmen.


Interessenvertretung braucht Übersetzung, nicht Lautstärke


Erfolgreiche Interessenvertretung bedeutet nicht, Forderungen möglichst laut zu formulieren. Sie bedeutet, Interessen so aufzubereiten, dass sie als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Lösung wahrgenommen werden können. Nur dann entsteht politische Resonanz.


Das setzt voraus:


  • analytische Tiefe statt Empörung,

  • strategische Kommunikation statt öffentlicher Abrechnung,

  • Dialogorientierung statt Selbstisolierung.


Fazit: Es geht anders – und es muss anders gehen


Interessenvertretung kann wirksam sein. Definitiv.Aber nur dann, wenn sie professionell betrieben wird, Gesprächsräume öffnet und politische Realität mitdenkt. Wer diese Grundregeln ignoriert, erreicht nicht mehr Einfluss – sondern das Gegenteil.

 
 
 

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Björn Sänger

Björn Sänger ist Managing Partner im Unternehmen.

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